Kleiner Hinweis: Diese Rezension ist von einem Gastautor geschrieben, selbst habe ich Feuchtgebiete leider nicht gelesen.
Charlotte Roche, bekannt durch Moderationen beim Jugendsender Viva und scharfe Kritikerin der BILD-Zeitung, hat ihren ersten Roman publiziert und einen sensationellen Erfolg hingelegt. Das grellviolette Paperback für 14,90 Euro (mit Pflaster vorne drauf) sollte ursprünglich bei Kiepenheuer und Witsch erscheinen, wo man aber wegen Pornographie den Titel nicht rausbringen wollte. Nebenan bei Dumont war man kaufmännisch intelligenter.
Die Geschichte, die den mit 200 großgedruckten Seiten nicht eben umfangreichen Roman, tragen soll, ist schnell erzählt: Helen, die Protagonistin, ist 18 Jahre alt und liegt im Krankenhauses und wartet auf eine Operation, zur Behandlung einer Analfissur (Verletzung des Anus) und ihrer Hämorrhoiden. Helen hofft darauf, dass ihre geschiedenen Eltern unterstützt durch diesen Krankenhausaufenthalt wieder zusammenfinden. Sie berichtet den Lesern von ihren bisherigen sexuellen und sonstigen Erfahrungen. Neben sexuellen Praktiken jedweder Art, wird ausführlich über Einstellungen zu Menstruationsblut und anderem Blut, Urin, Sperma, Eiter, Ohrenschmalz etc. reflektiert. Ausführlich behandelt wird auch eine Vielzahl von Selbstbefriedigungspraktiken. So erfährt man, dass und wie Helen Avocados bzw. deren Kerne zur Masturbation einsetzt.
Abwechslung in den Krankenhausaufenthalt bringt ein Krankenpfleger. Robin hilft Helen auch beim Fotografieren des verletzten Polochs.
Helen gelingt es nicht, ihre Eltern zu versöhnen. Aber mit Robin scheint sich so was wie Veränderung anzubahnen, den er akzeptiert, dass beide gemeinsam das Krankenhaus verlassen, um zu ihm zu fahren.
Mit „Feuchtgebiete“ ist ein durch und durch „ironischer Roman“ bis zur Spitze der Bestsellerliste gekommen. Man kann die durchgängige Ironie natürlich nur an Beispielen aufzeigen. Da wäre etwa die Pizzageschichte (S.70/71) wiederzugeben. Durchaus spannend erklärt uns Helen, warum sie immer extra unfreundlich Pizza bestellt. Sie möchte gerne mal das erleben, was sie über zwei Mädels gehört hat, die mal unfreundlich Pizza bestellt haben, die dann aber irgendwie merkwürdig schmeckt.
„Eines der Mädchen ist zufällig Tochter eines Lebensmittelkontrolleurs, und bevor sie alles weggemümmelt haben, packen sie die Reste in eine Tüte und bringen sie zu Papa.
Noch denken alle, die Pizza ist um oder so. Bei der Analyse im Labor kommt aber raus, dass fünf verschiedene Spermasorten auf der Pizza sind.“
Soweit so unschön, aber die Überraschung kommt erst noch, wenn Helen nun erzählt, was sie daraus gelernt hat: „Jedenfalls bin ich immer extra unfreundlich, wenn ich Pizza bestelle. Und beschwere mich, auch wenn es gar nicht lange dauert. Ich würde gerne mal eine Pizza mit fünf verschiedenen Spermasorten essen. Das ist ja wie Sex mit fünf fremden Männern gleichzeitig. Na gut, nicht direkt Sex. Aber doch so, als hätten mir fünf unbekannte Männer gleichzeitig in den Mund gespritzt. Das ist doch erstrebenswert fürs Lebensbuch, oder?“
Bei der taz sind sie auch schon draufgekommen. Ein Autorenteam hat sich in einen langen Nacht mit viel Rotwein ein Experiment ausgedacht: Wie kann man mit einem Romansimulationsprojekt eine Satire auf den Medienbetrieb in Gang setzen. Doch angesichts des Erfolgs des Experiments sind die Macher jetzt zum Schweigen verurteilt. Und Charlotte Roche muss mit gesenkten Blick zu Harald Schmidt, dem auch angesichts des Erfolgs der „Feuchtgebiete“ keine Scherze mehr einfallen.